Beyond-GDP

Wohlstand und Fortschritt umfassender messen

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP; englisch: Gross Domestic Product, GDP) ist ein zentraler und international etablierter Indikator zur Beschreibung der wirtschaftlichen Aktivität. Es misst den Wert der innerhalb eines Landes produzierten Waren und Dienstleistungen und liefert damit wichtige Informationen über die wirtschaftliche Entwicklung. Für viele Fragestellungen ist das BIP unverzichtbar.

Gleichzeitig bildet das BIP wichtige Aspekte gesellschaftlicher Entwicklung nicht oder nur indirekt ab. Dazu gehören beispielsweise Gesundheit und Bildung, soziale Teilhabe und Sicherheit, die Verteilung von Einkommen und Vermögen, die Qualität von Institutionen oder der Zustand der Umwelt. Das BIP ist daher kein umfassendes Maß für gesellschaftlichen Fortschritt oder Wohlergehen.

Eine langjährige internationale Diskussion

Die Diskussion darüber, wie gesellschaftlicher Fortschritt umfassender gemessen werden kann, reicht viele Jahre zurück. Bereits vor der aktuellen Beyond-GDP Initiative wurde darauf hingewiesen, dass wirtschaftliche Leistung und gesellschaftliches Wohlergehen nicht gleichgesetzt werden können.

Ein wichtiger Meilenstein war der Bericht der von Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi geleiteten Kommission zur Messung von wirtschaftlicher Leistung und sozialem Fortschritt aus dem Jahr 2009. Die Kommission empfahl unter anderem, die Betrachtung des BIP um ein breiteres Set von Indikatoren zu ergänzen, das auch die Verteilung von Wohlstand, die Lebensqualität und die Nachhaltigkeit von Entwicklung berücksichtigt.

Seitdem wurden zahlreiche weitere nationale und internationale Initiativen entwickelt. Staaten und internationale Organisationen haben Indikatorensysteme und Dashboards etabliert, die unterschiedliche Dimensionen von Wohlergehen und nachhaltiger Entwicklung abbilden. Auch die OECD hat die Arbeiten der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission aufgegriffen und die Entwicklung von Wohlstands- und Fortschrittsindikatoren weiter vorangetrieben.

Auch auf Ebene der Vereinten Nationen ist die Frage, wie Fortschritt über das BIP hinaus gemessen werden kann, seit Langem Teil der internationalen Diskussion. Die Agenda 2030 und ihre Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) beinhalten beispielsweise zahlreiche ökonomische, soziale und ökologische Indikatoren. SDG-Unterziel 17.19 fordert ausdrücklich dazu auf, bestehende Initiativen weiterzuentwickeln, um Messungen des Fortschritts bei nachhaltiger Entwicklung zu ermöglichen, die das BIP ergänzen.

Der UN-Vorschlag für ein Beyond-GDP Indikatorenset

Mit der Beyond-GDP Initiative hat diese Diskussion in den vergangenen Jahren neue internationale Dynamik erhalten. Im Bericht Our Common Agenda von 2021 griff der UN-Generalsekretär António Guterres die Idee einer umfassenderen Messung von Fortschritt erneut auf. Darauf folgten weitere Arbeiten des UN-Systems, darunter der Bericht Valuing What Counts aus dem Jahr 2022 und ein entsprechender Policy Brief aus dem Jahr 2023.

Einen wichtigen nächsten Schritt bildete der im September 2024 von den Staats- und Regierungschefs verabschiedete Pact for the Future. Darin forderten die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen die Entwicklung von Messgrößen, die Messung des wirtschaftlichen Fortschritt ergänzen und über das BIP hinausgehen.

Auf dieser Grundlage setzte der UN-Generalsekretär im Mai 2025 eine unabhängige High-Level Expert Group on Beyond-GDP ein. Die international und multidisziplinär zusammengesetzte Expertengruppe hatte die Aufgabe, Empfehlungen für eine begrenzte Anzahl von Indikatoren zu entwickeln, die länderübergreifend anwendbar sind und das BIP ergänzen.

Die Expertengruppe knüpfte dabei an bestehende Arbeiten und etablierte statistische Systeme an. Ziel war es nicht, neben den bestehenden internationalen und nationalen Statistiken ein vollständig neues statistisches System zu schaffen. Vielmehr sollten vorhandene Ansätze zusammengeführt, weiterentwickelt und in einem überschaubaren Rahmen gebündelt werden. Ein erheblicher Teil der vorgeschlagenen Indikatoren basiert daher auf bereits etablierten Daten, unter anderem aus dem SDG-Indikatorensystem.

Am 7. Mai 2026 veröffentlichte die Expertengruppe ihren Abschlussbericht Counting What Counts: A Compass of Progress for People and Planet. Der Bericht enthält einen konzeptionellen Rahmen und ein Dashboard mit 31 vorgeschlagenen Indikatoren. Dabei handelt es sich um einen Vorschlag der Expertengruppe und nicht um einen bereits verbindlich verabschiedeten internationalen Indikatorenstandard. Die weiteren Schritte zur möglichen Institutionalisierung und Weiterentwicklung des Indikatorensets sind Gegenstand eines zwischenstaatlichen Prozesses der Vereinten Nationen.

Was soll mit Beyond-GDP sichtbar werden?

Der Ansatz der Expertengruppe geht davon aus, dass gesellschaftlicher Fortschritt mehrere miteinander verbundene Dimensionen umfasst. Im Mittelpunkt stehen das Wohlergehen der Menschen und der Zustand unseres Planeten. Dabei geht es sowohl um die gegenwärtige Situation der Menschen als auch um die Frage, ob die Voraussetzungen für zukünftiges Wohlergehen erhalten bleiben. Das vorgeschlagene Indikatorenset ist in vier Bereiche gegliedert:
Grundlegende Prinzipien:
Frieden, Menschenrechte und die Achtung der natürlichen Lebensgrundlagen bilden grundlegende Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt. Sie schaffen den Rahmen, innerhalb dessen Wohlergehen, Teilhabe und nachhaltige Entwicklung betrachtet werden können.

Aktuelles Wohlergehen:
Dieser Bereich betrachtet verschiedene Aspekte der gegenwärtigen Lebenssituation der Menschen. Dazu gehören unter anderem materielle Lebensbedingungen und Arbeit, Gesundheit, Bildung, Sicherheit, subjektives Wohlbefinden, sozialer Zusammenhalt, die Qualität von Institutionen sowie die Umweltqualität.

Gleichheit und Teilhabe:
Gesellschaftlicher Fortschritt lässt sich nicht allein anhand von Durchschnittswerten beschreiben. Ebenso relevant ist, wie Chancen, Einkommen, Ressourcen und Lebensbedingungen innerhalb einer Gesellschaft verteilt sind und welche Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen bestehen. Der Vorschlag berücksichtigt daher unter anderem Armut, Ungleichheit und Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen.

Nachhaltigkeit und Resilienz:
Fortschritt soll nicht nur daran gemessen werden, was heute erreicht wird. Ebenso wichtig ist, ob die Voraussetzungen für zukünftiges Wohlergehen erhalten bleiben. Der Ansatz betrachtet daher verschiedene Formen von Kapital und Ressourcen, darunter produziertes, menschliches, soziales, institutionelles und natürliches Kapital. Damit wird die Verbindung zwischen dem Wohlergehen der heutigen Bevölkerung und den Möglichkeiten künftiger Generationen sichtbar.

Beyond-GDP bedeutet dabei nicht, das BIP abzuschaffen oder durch einen einzelnen neuen Kennwert zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, das BIP in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und um weitere aussagekräftige Indikatoren zu ergänzen. Das BIP bleibt eine wichtige Kennzahl für die wirtschaftliche Aktivität; für eine umfassende Betrachtung von Wohlstand und Fortschritt reicht es allein jedoch nicht aus.

Das Beyond-GDP Dashboard für Deutschland

Das deutsche Beyond-GDP Dashboard greift den von der High-Level Expert Group der Vereinten Nationen vorgeschlagenen Rahmen auf und zeigt, inwieweit die 31 vorgeschlagenen Indikatoren für Deutschland anhand verfügbarer Daten abgebildet werden können. Das Dashboard stellt ausdrücklich eine nationale Perspektive auf das vorgeschlagene UN-Indikatorenset dar. Es handelt sich weder um eine eigenständige deutsche Variante des Beyond-GDP Ansatzes noch um einen von den Vereinten Nationen verabschiedeten ationalen Indikatorenstandard. Vielmehr wird der Vorschlag der Expertengruppe auf die statistische Situation und die verfügbaren Daten für Deutschland angewendet.

Das Statistische Bundesamt stellt hierfür Daten und Informationen zusammen und macht sichtbar, inwieweit sich die vorgeschlagenen Indikatoren für Deutschland abbilden lassen. Wo entsprechende Daten vorliegen, werden Zeitreihen dargestellt. Dadurch können Entwicklungen über längere Zeiträume nachvollzogen und aktuelle Werte in ihren zeitlichen Kontext eingeordnet werden.

Für einzelne Indikatoren können sich Unterschiede hinsichtlich der Datenverfügbarkeit, Aktualität, zeitlichen Abdeckung, Methodik oder internationalen Vergleichbarkeit ergeben. Nicht für alle vorgeschlagenen Indikatoren stehen in gleicher Weise aktuelle und langfristige Daten für Deutschland zur Verfügung.

Das Dashboard macht daher nicht nur die verfügbaren Ergebnisse sichtbar, sondern auch die Möglichkeiten und Grenzen der statistischen Abbildung des vorgeschlagenen Indikatorensets.

Vom Vorschlag zur weiteren Entwicklung

Mit dem Bericht der High-Level Expert Group ist die internationale Diskussion über Beyond-GDP nicht abgeschlossen. Der Bericht stellt einen Vorschlag dar und bildet eine Grundlage für die weitere Beratung durch die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Im Anschluss an die technische Arbeit der Expertengruppe hat ein zwischenstaatlicher Prozess begonnen, in dem die Empfehlungen geprüft und mögliche weitere Schritte beraten werden.

Auch die statistische Umsetzung ist ein fortlaufender Prozess. Einige der vorgeschlagenen Indikatoren sind bereits seit Jahren Bestandteil etablierter statistischer Systeme. In anderen Bereichen bestehen noch Datenlücken oder weiterer Entwicklungsbedarf, etwa im Hinblick auf Datenqualität, Aktualität, internationale Vergleichbarkeit oder die Regelmäßigkeit der Datenerhebung.

Das deutsche Beyond-GDP Dashboard ist vor diesem Hintergrund als Beitrag zu diesem laufenden Prozess zu verstehen. Es zeigt, welche Aspekte des von der UN-Expertengruppe vorgeschlagenen Rahmens mit den für Deutschland verfügbaren Daten bereits dargestellt werden können. Zugleich wird sichtbar, in welchen Bereichen die statistische Abbildung weiterentwickelt werden kann.